Livestream oder Konferenz – was ist ökologisch nachhaltiger? Ein Kommentar.

Wie nachhaltig sind Livestreams?

Inhaltsverzeichnis

Lesezeit: 6 Minuten

Früher war mehr Konferenz! Ist heute auch noch so, doch nun gibt es immer mehr Konferenzen als Livestream. Konferenz können Sie wahlweise ersetzen mit Tagung, Workshop, Seminar oder Vortrag. Hier spreche ich – der Einfachheit halber – von Konferenz. Livestreams sind einfach realisierbar und viele Menschen schauen online zu und sind nicht mehr vor Ort. Doch wie ökologisch nachhaltig ist das alles eigentlich? Sparen Livestreams CO2? Reduzieren digitale Konferenzen den ökologischen Fußabdruck? Ich sage: Definitiv! Lesen Sie hier, warum ich mir da so sicher bin.

Pionier Ralf Biebeler
Ein Kommentar von Ralf Biebeler

Vorab: Es geht nicht um Netflix

Vorweg, ich beschäftige mich nicht mit Streaming über Netflix, Prime oder sonstigen Anbietern. Mir geht es um die Übertragung von Konferenz, Tagung und Co im Internet. Wer sich für Netflix und Co interessiert, liest mehr bei Goingreen oder bei Bitkom. Dennoch ist auch die Übertragung einer Konferenz ein Stream – daher sind bestimmte Aspekte ähnlich.

So streamen Sie heute

Sie streamen Ihre Veranstaltung zu einem Anbieter, der sie über Server an Endgeräte sendet. Vereinfacht ausgedrückt: Sie nutzen YouTube und streamen Ihre Konferenz darüber auf das Handy eines Zuschauers. Oder Sie nutzen Ihren Server, binden den Stream auf Ihrer Webseite ein und Nutzer schauen zu. Oder Sie verwenden einen speziellen Anbieter mit eigenen Servern. Doch am Ende binden Sie wieder das Signal der Server auf Ihrer Seite ein. Sie präsentieren es einem Zuschauer, der etwa mit seinem Fernseher dabei ist. Wie Sie es drehen und wenden: Sie übertragen ein Videosignal an Server und Zuschauer greifen auf diese(n) Server zu.

Welche Ressourcen verbraucht ein Livestream?

Meinen wir es ernst mit dem ökologischen Fußabdruck, müssen wir viele Aspekte betrachten. Denn ein Livestream verbraucht diverse Ressourcen. Das ist natürlich nicht einfach, schließlich gibt es unterschiedliche Events. Eine Konferenz für 50 interne Teilnehmer ist anders, als wenn Sie ein digitales Kundenevent für 1.000 Kunden machen. Daher gehe ich hier von kleineren bis mittleren Anwendungen im Geschäftsbereich aus: Events für Mitarbeiter, Betriebsversammlungen, standortübergreifende Veranstaltungen, Konferenzen für Lieferanten, Online-Events für eine ausgewählte homogene Zielgruppe im b2b Bereich. Außen vor lassen wir b2c-Livestreams, Konzerte, Messen und ähnlich pompöse Events. An folgenden Stellen verbraucht ein solcher Livestream Ressourcen:

  1. Sie müssen den Stream planen. Mit PC, Telefon, Strom, Wärme und Wasser im Büro.
  2. Zu diesem Büro fahren Sie im schlechtesten Fall mit einem Verbrenner.
  3. Nach der Organisation fallen Fahrtkosten für Sie und etwaiges Personal für den Aufbau der Technik an. Mit dieser Technik machen Sie mehrere Proben. Das Personal seitens eines Dienstleisters hält sich in Grenzen: Ebenfalls mit dem Verbrenner kommen wenige Kameraleute, Techniker sowie Streaming-Mitarbeiter.
  4. Kameras, Mikrofone, Stative, Kabel und Geräte kommen aus Fernost. Gehen wir davon aus, dass dies Technik nicht mit Ökostrom betriebenen Frachtschiffen passiert.
  5. Die Geräte brauchen während der Proben Strom – der ist im schlechtesten Fall nicht grün.
  6. Am Tag des Streams reisen Personal, Sie, Assistenten und die Teilnehmer vor der Kamera an. Die Heizung läuft im Raum, in dem der Stream stattfindet. Auch brauchen Sie Strom für die Beleuchtung sowie Wasser in Bad oder WC. Jeder mag etwas essen. Caterer transportieren also Lebensmittel (mit dem Verbrenner), die noch warm bleiben müssen.
  7. Das Videosignal übertragen Sie an einen Anbieter. Ob YouTube, Ihre IT oder ein spezialisierter Anbieter – alle haben Server, die Strom und Kühlung brauchen. Auch hier gibt es mehr und mehr Ökostrom, doch sicher ist das nicht. Gehen wir vom schlechtesten Fall aus. Zudem braucht Ihr Livestream Kommunikationsnetze, um Daten zu übertragen.
  8. 50 bis 500 Personen sehen zu. Häufig schauen ganze Teams zusammen interne Streams von Unternehmen. Gehen wir aber einmal vom schlechtesten Fall aus: Jede Person schaut unabhängig von den anderen im eigenen Büro. Das ist beheizt und braucht Strom für Licht.
  9. Die Personen nutzen Ihre Computer, um dabei zu sein. Auch diese brauchen Strom.
  10. Dann bauen Sie alles ab und alle reisen ab. Natürlich im Verbrenner.

Der Ressourcenverbrauch bei einer Konferenz

Schauen wir uns eine Konferenz an. Die Punkte 1 bis 6 fallen ebenfalls an. Auch eine Konferenz planen und organisieren Sie und bauen alles auf. Sie proben und machen nichts anderes als bei einem Livestream. Selbst bei kleineren Konferenzen ist es normal, dass Kameras, Mikrofone und Licht vor Ort sind. Ökologisch nachhaltiger ist da nichts. Sie sparen vielleicht zwei oder drei Computer, die explizit für den Stream vor Ort sind. Der Punkt geht also an die Konferenz. Anders sieht es aus, wenn für eine Konferenz 50 bis 500 Personen anreisen. Hier müssen wir über die Ressourcen sprechen, die Menschen für Ihre An- und Abreise benötigen. Und sie dann vergleichen mit Ressourcen, die Server, Kommunikationsnetze und Empfangsgeräte brauchen.

 

Da fängt das Problem an: Ein Livestream ist unnötig, wenn Teilnehmer vor Ort die Treppe runterlaufen und in den Konferenzsaal gehen. Reisen sie aber von verschiedenen Orten an und nutzt nicht jeder die Bahn, wird er sinnvoller, je weiter die Wege sind. Je mehr Menschen zudem vor Ort in einem Raum sind, desto mehr müssen Sie investieren: Mehr Personal muss anreisen, um den Raum herzurichten (Stühle, Dekoration und Co). Sie brauchen mehr Catering und Sie müssen den Raum anders klimatisieren. Mehr Menschen brauchen zudem mehr Wasser. Livestreams werden ebenfalls sinnvoller, wenn die Empfänger sie nicht gerade mit großen Fernsehern in 4K schauen. Das ist in Unternehmen jedoch unüblich, weshalb Sie diesen Aspekt vernachlässigen können.

 

Bitkom trug ein paar Fakten zusammen, die den Verbrauch an Energie beim Livestreaming visualisieren. Dieser führt zu einem CO2 Fußabdruck. Den müssen wir vergleichen mit dem CO2 Fußabdruck, der entsteht, wenn Menschen reisen.

Die Auflösung und die Endgeräte sind relevant

Diesen Energiebedarf hat eine Stunde Streaming.
Sekundärquelle: bitkom, Nachhaltigkeit von Streaming & Co.

Die Abbildung zeigt den Energieverbrauch von Livestreams abhängig von der Auflösung sowie des genutzten Endgeräts. Im Geschäftsbereich laufen Livestreams heute oft in HD (1920×1080 Pixel) auf einem Notebook oder PC. Alle anderen Optionen fallen normalerweise raus. Laut Bitkom fallen beim heutigen Energiemix maximal 200 Gramm CO2 an pro Stunde Livestream pro Person. Dieselbe Menge fällt ungefähr an, wenn dieselbe Person mit ihrem Verbrenner einen Kilometer fährt. Gehen wir davon aus, dass Livestreams effizienter werden (mehr dazu weiter unten), sinkt dieser Wert. Autos werden nicht effizienter, außer 4 Personen fahren im Smart zum Stream – aber wer macht das schon? Die Werte in den Abbildungen gehen davon aus, dass Daten über Festnetz laufen. Der Energiebedarf im Mobilfunk ist höher. Doch es ist unüblich, dass im Geschäftsbereich Livestreams häufig über Mobilfunk laufen. 

Wo der meiste Energiebedarf besteht

Auf die Endgeräte kommt es an.
Sekundärquelle: bitkom, Nachhaltigkeit von Streaming & Co.

Die Endgeräte verbrauchen wenig Energie. Läuft Ihr Stream nicht in 4K/8K, ist das kein nennenswerter Verbrauch im Vergleich zum Auto. Und selbst dann nicht. Die meiste Energie verbrauchen Rechenzentren und die Kommunikationsnetze. Verlässliche Angaben sind schwer zu machen, doch gehen Sie davon aus, dass der Energiebedarf erheblich ist. Der Strommix verbessert sich in Deutschland jedoch kontinuierlich zugunsten des Ökostroms. Das heißt, dass auch Rechenzentren und Kommunikationsnetze mehr und mehr grün werden. Bei ausländischen Anbietern muss das nicht der Fall sein.

 

Die Reduktion von CO2 erreichen Sie, wenn Sie Server in Deutschland nutzen, die mit Ökostrom laufen. Wichtig ist, dass Hardware – Ihre, die der Nutzer, der Rechenzentren und Kommunikationsnetze – eine begrenzte Lebensdauer hat. Sie herzustellen, zu liefern und die alte zu entsorgen, verbraucht Ressourcen. Die Energie, die für diese Komponenten nötig ist, ist schwierig bis gar nicht schätzbar. Gehen wir davon aus, dass Hardware nicht nur für Livestreams da ist, kompensiert sich alles wieder.

So halten Sie den CO2-Abdruck gering

  1. Übertragen Sie den Stream maximal mit 1920 x 1080 Pixel.
  2. Nutzen Sie effiziente Codierer, die Daten reduzieren und weniger Daten übertragen.
  3. Streamen Sie über deutsche Server oder versichern Sie sich, dass sie mit Ökostrom laufen.
  4. Versuchen Sie, Ihre Zielgruppe anzuregen, mit kleineren Geräten dabei zu sein.
  5. Welche Kommunikationsnetze Sie nutzen für den Livestream, beeinflussen Sie nicht. Hier können Sie einen Ausgleich durch Zertifikate oder CO2-Kompensationen anstreben.

Mein Fazit zum Thema

Trotz des Energiebedarfs beim Streamen haben anreisende Teilnehmer eine schlechtere CO2-Bilanz. Es ist zudem einfach, den Energiebedarf zu reduzieren. Auch für Sie als Unternehmen, das die eigene Konferenz live streamt. Ich sage: Trotz aller Unkenrufe und Schlechtmacher: Ein Livestream ist ökologisch nachhaltiger als jede Vor-Ort-Konferenz.

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